Es begann mit einer harmlosen SMS. „Ihre FinanzOnline-Kennung läuft ab. Aktualisieren Sie Ihre Daten unter folgendem Link.“ Der 58-jährige – nennen wir ihn Herrn W. – wunderte sich kurz, tippte aber auf den Link.
Die Webseite sah exakt aus wie die echte Seite von FinanzOnline. Er gab seine Zugangsdaten ein, auch seine Bankverbindung. Minuten später klingelte das Telefon. Am Display: die Nummer seiner Hausbank. Ein freundlicher Mitarbeiter erklärte, man habe „verdächtige Kontobewegungen“ festgestellt und müsse dringend handeln. Herr W. folgte den Anweisungen, bestätigte mehrere „Sicherheitsfreigaben“ in seiner Banking-App. Am Abend stand ein Mann vor seiner Tür – angeblich von der Kriminalpolizei – und bat um die Bankomatkarte zur „Sicherstellung“. Als Herr W. am nächsten Morgen sein Konto prüfte, war sein Erspartes weg. Fast 400.000 Euro.
Herr W. ist kein Einzelfall. Allein 2024 verzeichnete das Bundeskriminalamt rund 8.600 Phishing-Fälle mit einem Gesamtschaden von 20 Millionen Euro. Beim Verbraucherschutzverein Österreich häufen sich die Meldungen. Was wir sehen: Die Betrugsmaschen werden immer professioneller – und die Opfer sind längst nicht nur ältere oder technisch unerfahrene Menschen.
Die drei häufigsten Maschen
Gefälschte SMS („Smishing“): Die Nachricht kommt scheinbar von FinanzOnline, der ÖGK, der Post oder dem Finanzministerium. Der Link führt zu einer täuschend echten Webseite, auf der Zugangsdaten und Bankverbindungen abgegriffen werden. Aktuelle Maschen betreffen Steuerrückerstattungen, ablaufende Kennungen oder angebliche Paketge-bühren.
Falsche Bankanrufe („Vishing“): Am Telefon meldet sich ein angeblicher Bankmitarbeiter. Besonders perfide: Durch sogenanntes „Caller-ID-Spoofing“ wird am Display die echte Telefonnummer der Bank angezeigt. Die Anrufer kennen oft Namen, Adresse und sogar die kontoführende Bank – Daten, die aus früheren Lecks im Darknet gehandelt werden. 2020 etwa standen persönliche Daten von 8,9 Millionen Österreichern aus dem Zentralen Melderegister in einem Hackerforum zum Verkauf.
Gefälschte Bankwebseiten („Phishing“): Kriminelle bauen die Online-Banking-Portale von George, Mein ELBA oder BAWAG pixelgenau nach. Die Links werden über SMS, E-Mails oder sogar bezahlte Google-Anzeigen verbreitet. Die Fake-Adressen weichen oft nur minimal ab – statt „meinelba.raiffeisen.at“ etwa „elba-raiff.net“.
Besonders gefährlich: die Kombinationsattacke
Der aktuelle Trend sind mehrstufige Angriffe. Erst die SMS, dann die Fake-Webseite, dann der Anruf – jeder Schritt baut auf den bereits abgegriffenen Daten auf. Für das Opfer wirkt alles zusammenhängend und plausibel. Neu im Repertoire der Betrüger: Künstliche Intelligenz. Mit Voice-Cloning lässt sich aus wenigen Sekunden Audiomaterial eine Stimme nachahmen – etwa die eines bekannten Bankberaters. Und KI-generierte Phishing-Mails sind mittlerweile fehlerfrei formuliert.
Was tun die Behörden?
Im Oktober 2025 starteten das Bundeskriminalamt, die Post, A1 und die Banken die gemeinsame Kampagne „#10TageGegenPhishing“. Das Finanzministerium warnte im Jänner und Februar 2026 mehrfach vor gefälschten Bescheiden und SMS. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) reichte im Mai 2025 eine Sammelklage gegen die BAWAG ein – 24 Geschädigte, knapp 130.000 Euro Streitwert. Der Vorwurf: Die Bank habe ihre Sorgfaltspflichten verletzt.
So schützen Sie sich
• Die wichtigste Regel: Keine österreichische Behörde und keine Bank schickt Ihnen SMS oder E-Mails mit Links zu Login-Seiten. Offizielle Mitteilungen des Finanzministeriums kommen per Post oder über die FinanzOnline-Databox.
• Wenn Sie einen Anruf Ihrer Bank erhalten und sich unsicher sind: Legen Sie auf und rufen Sie selbst unter der Ihnen bekannten Nummer zurück – nicht unter der angezeigten Nummer.
• Geben Sie niemals Freigaben in der Banking-App für Transaktionen, die Sie nicht selbst ausgelöst haben.
• Installieren Sie keine Fernzugriffs-Software wie AnyDesk oder TeamViewer auf Bitten eines Anrufers. Und wenn Ihr Handy plötzlich keinen Empfang mehr hat, lassen Sie sofort Ihre SIM-Karte sperren – es könnte ein SIM-Swapping-Angriff sein.
• Wenn Sie betroffen sind, melden Sie den Fall
bei der Cybercrime-Meldestelle des Bundeskriminal-amtes(against-cybercrime@bmi.gv.at) und kontaktieren Sie die Ombudsstelle für Zahlungsprobleme im So-zialministerium (zahlungsprobleme@sozialministerium.at). Diese konnte bisher in 62 Prozent aller Fälle eine außergerichtliche Einigung mit der Bank erzielen.
Herr W. hat sein Geld nicht zurückbekommen. Sein Fall zeigt: Es kann jeden treffen. Umso wichtiger, die Maschen zu kennen – bevor das Telefon klingelt.
Webinar: „Phishing, Social Engineering & Datenklau – die Fallen erkennen“
mit Thorsten Behrens (Watchlist Internet / ÖIAT)




Fiona Walatscher
Image: Generated with A.I.
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