Wenn es zu schön ist, um wahr zu sein
Interview mit Mag. iur. Reinhard Nosofsky, MinR, dem interimistischen Leiter der Abteilung 7 (Ermittlungen – Betrug und Wirtschaftskriminalität)
Über 82.000 angezeigte Betrugsfälle, 118 Millionen Euro Schaden allein durch Investmentbetrug, KI und Deepfakes als neue Werkzeuge der Täter – Wirtschaftskriminalität in Österreich hat eine neue Dimension erreicht. Wir haben mit Mag. iur. Reinhard Nosofsky, MinR, dem interimistischen Leiter der Abteilung 7 (Ermittlungen – Betrug und Wirtschaftskriminalität) im Bundeskriminalamt, gesprochen: über Fakeshops, „Pig-Butchering“, die perfide Masche zwischen Online-Liebe und Anlagebetrug – und darüber, wie sich Konsumentinnen, Konsumenten und Unternehmen konkret schützen können.
Welche Formen der Wirtschaftskriminalität sind derzeit in Österreich am häufigsten?
Der Begriff Wirtschaftskriminalität umfasst Betrugsdelikte, Geld- und Urkundenfälschung, (echte) Wirtschaftsdelikte und Geldwäsche.
Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik Österreich versteht man unter „echte Wirtschaftsdelikte“ folgende Straftaten: § 153 StGB (Untreue), § 153c StGB (Vorenthalten von Dienstnehmerbeiträgen zur Sozialversicherung), § 153d StGB (Betr. Anmelden zu Sozialversicherung oder Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse), § 153e StGB (Organisierte Schwarzarbeit), § 154 StGB (Geldwucher), § 155 StGB (Sachwucher), § 156 StGB (Betrügerische Krida), § 157 StGB (Schädigung fremder Gläubiger), § 158 StGB (Begünstigung eines Gläubigers), § 159 StGB (Grob fahrlässige Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen), § 160 StGB (Umtriebe während einer Geschäftsaufsicht oder im Insolvenzverfahren), § 162 StGB (Vollstreckungsvereitelung), § 163 StGB (Vollstreckungsvereitelung zugunsten eines anderen), § 163a StGB (Unvertretbare Darstellung wesentlicher Informationen über bestimmte Verbände), § 122 GmbHG, § 255 AktG, §15 KMG, § 60 MarkenschutzG, § 48 BörseG, § 4 VbVG)
Zu den Betrugsdelikten zählen insbesondere folgende Straftaten: §146 StGB (Betrug), §147 StGB (schwerer Betrug), §148 StGB (gewerbsmäßiger Betrug), §148a StGB (betrügerischer Datenverarbeitungsmissbrauch), §153b StGB (Förderungsmissbrauch), §241h StGB (Ausspähen von Daten eines unbaren Zahlungsmittels) und Weitere.
Auch Fälschungsdelikte wie §223 StGB (Urkundenfälschung, §224 StGB (Fälschung besonders geschützter Urkunden) oder §232 StGB (Geldfälschung) und §165 StGB (Geldwäsche) werden vom Begriff Wirtschaftskriminalität umfasst.
Die häufigste Form der (echten) Wirtschaftskriminalität ist die Untreue. Im Jahr 2025 wurden hier 347 Fälle polizeilich gemeldet gefolgt von der betrügerischen Krida mit 300 Fällen.
Die meisten Fälle sind jedoch im Bereich der Betrugskriminalität zu verzeichnen. Im Jahr 2025 wurden hier mehr als 82.000 Fälle zur Anzeige gebracht. Bei rund zwei Drittel der gemeldeten Fälle werden digitale Technologien und das Internet verwendet.
Gemessen an der Anzeigenhäufigkeit stellt der Bestellbetrug eine der bedeutsamsten Phänomengruppen dar. Er lässt sich wiederum in verschiedene Unterphänomene einteilen. Führend sind Anzeigen betreffend Bestellungen, welche mit fremden Namen getätigt wurden, gefolgt von Fällen, bei denen die Täter Waren auf privaten Verkaufsplattformen zum Kauf anbieten, aber diese nach erfolgter Bezahlung nicht liefern. Bei diesen Begehungsformen wurde im Jahr 2025 ein Schaden von zumindest 19 Millionen Euro bei mehr als 22.000 angezeigten Fällen bekannt. Diese Phänomengruppe verzeichnet eine deutliche Steigerung im Jahr 2025. Diese Steigerung ist vor allem dem Betrieb von Fakeshops sowie der kriminellen Nutzung von Sicherheitslücken bei Intermediären von Zahlungsdiensten geschuldet. Die Zahlen im Q1/2026 zeigen eine ähnliche Entwicklung wie 2025, wobei hier doch besser die Jahresübersicht betrachtet werden soll, weil es jederzeit zu Sammelanzeigen kommen kann und dann ein Quartal sehr täuschen kann.
Der Cyber Trading Fraud/Investmentbetrug verursachten im Jahr 2025 einen finanziellen Schaden von zumindest 118 Millionen Euro (bei mehr als 3.000 angezeigten Fällen) und somit den größten Schaden. Diese Betrugsform wird auch in Kombination mit dem Love-Scam als „Pig-Butchering“ betrieben. Bei diesem sehr perfiden Betrugsmodus gibt sich die vermeintliche Online-Liebe auch als Investmentprofi aus, dann soll in die gemeinsame Zukunft investiert werden. Im Q1/2025 waren es rund 800 Fälle, die Zahlen im Q1/2026 zeigen keine Entschärfung.
Gibt es Branchen, die besonders stark betroffen sind?
Online-Händler sind bei Betrugshandlungen besonders stark betroffen. Hier wäre eine gute „Know Your Customer“ – Policy ein brauchbarer Schutz um Betrugshandlungen zu erschweren. Bestellbetrug zählt zu den häufigsten Betrugsformen.
Wie hat die Digitalisierung die Methoden der Täter verändert?
Die Digitalisierung hat die Betrugslandschaft in den letzten Jahren maßgeblich beeinflusst. Hervorzuheben sind hier die hohe (internationale bzw. weltweite) Reichweite der Täter und die Anzahl der Betrugsanbahnungen, die sich durch Automation vervielfacht hat. Als Beispiele können hier massenhaft verschickte E-Mails / SMS aber auch automatisierte Anrufe genannt werden. Erst wenn die Opfer auf die Nachricht oder den Anruf per z.B. Tasteneingabe reagieren schaltet sich der Täter persönlich ein und führt den Betrug durch. Dies erhöht die Erfolgsquote deutlich und spart (menschliche) Ressourcen bei den Tätern.
Vorgefertigte, automationsunterstützt erstellte Betrugsseiten im Internet (Phishing / Fake Shops, CTF-Landing Pages) können durch die Täter von anderen kriminellen Netzwerken skalierbar zugekauft werden. Die Täter können so ohne Fachwissen durchaus technisch aufwendige Betrugshandlungen setzen.
Deepfakes kommen bisweilen vereinzelt bei Betrugsformen zum Einsatz, zumeist beim CTF. Dass Deepfakes derzeit nicht häufiger angewendet werden hat schlicht den Grund, dass die gängigsten Betrugshandlungen auch so funktionieren und sich der Mehraufwand nicht lohnt. Jedenfalls hebt KI die Betrugskriminalität auf ein neues Level.
Durch Neuerungen im Zahlungsverkehr (Sofort-Überweisungen, Zahlungen per Kryptowährungen) wird die Nachverfolgbarkeit und Sicherstellung der Gelder erschwert.
Mancher Täter bringt beachtliches Können mit, wäre Ihnen lieber, diese Energie wäre in legale Geschäftsmodelle geflossen?
Ja, durchaus. Viele Betrüger verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten – etwa im Bereich Kommunikation, Überzeugungskraft, Organisation oder technisches Know-how. Würden diese Talente legal eingesetzt, könnten sie in der Wirtschaft oder als Unternehmer erfolgreich sein. Entscheidend ist jedoch, dass sie sich bewusst dafür entscheiden, ihre Fähigkeiten zum Schaden anderer einzusetzen. Genau das macht den Unterschied.
Vor welchen größten Herausforderungen stehen Ermittler:innen bei komplexen Wirtschaftskriminalitätsfällen?
Eine der größten Herausforderungen bei Ermittlungen im Bereich der Wirtschaftskriminalität ist die enorme Datenmenge. Diese muss strukturiert aufbereitet, sorgfältig analysiert und in einen schlüssigen Gesamtkontext eingeordnet werden. Besonders komplex wird dies durch weit verzweigte Unternehmensgeflechte mit oftmals mehreren hundert miteinander verbundenen Gesellschaften.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass unterschiedliche Tätergruppierungen häufig dieselbe kriminelle Infrastruktur nutzen, die von spezialisierten Dienstleistern gegen Bezahlung bereitgestellt wird. Dieses als „Crime as a Service“ bekannte Modell erschwert die Zuordnung erheblich. Es erfordert umfangreiche Erfahrung und kriminalistische Expertise, um zu erkennen, wann mehrere Tätergruppen lediglich dieselbe Infrastruktur verwenden und wann tatsächlich ein gemeinsames Netzwerk vorliegt.
Welche Technologien oder Strategien haben sich als besonders effektiv erwiesen?
Strategie: Große Fälle in einzelne, bewältigbare Faktenzweige aufteilen.
Technologie: spezialisierte Auswertesoftware, die es ermöglicht große Datenmengen zu durchleuchten.
Gab es Fälle, bei denen Sie sich eine gewisse Bewunderung für die Vorgehensweise nicht verkneifen konnten?
Die Professionalität mancher Täterstrukturen ist sehr beeindruckend. Diese gehen arbeitsteilig vor, kaufen Technologie zur Tatbegehung, können die Tathandlungen je nach Bedarf skalierbar erweitern und nutzen Geldwäschenetzwerke zur Verschleierung und dem Abfluss der Opfergelder.
Was können österreichische Unternehmen tun, um sich vor Wirtschaftskriminalität zu schützen?
Entsprechende Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeiter in Bezug auf die gängigsten Betrugsmaschen, die für Unternehmen relevant sind. (BEC / CEO – Fraud, E-Mails mit Schadsoftware, …)
Relevante Bezahlungsvorgänge sollten immer nach einem fix definierten Prozess abgearbeitet werden, bestenfalls im Rahmen eines 4-Augen-Prinzips. (Klare Freigabe-Hierarchien) Auch eine standardisierte / verpflichtende Rückfrage über einen anderen Kanal bei größeren Zahlungen oder Änderungen der Zahlungsmodalitäten wäre anzudenken.
Die kritische Infrastruktur des Unternehmens (PCs, Software, Firewalls, Telefonanlage, etc., …) sollte immer auf aktuellem Stand gehalten werden. Von relevanten Daten sollten regelmäßig Kopien erstellt werden und diese sicher und getrennt vom Restsystem verwahrt werden.
Welche Rolle spielen Compliance, interne Revision und Hinweisgebersysteme?
Unternehmen, die diese Instrumente konsequent einsetzen, reduzieren nicht nur das Risiko von Betrugsdelikten, sondern stärken auch das Vertrauen von Mitarbeitenden, Geschäftspartnern und Kunden.
Wenn bei einem KMU plötzlich eine sehr hohe Summe fehlt, wann setzen die Alarmglocken auf „Betrug“, und wann eher auf „Buchhaltungsfehler“?
Entscheidend ist, sich nicht von Vermutungen leiten zu lassen, sondern den Sachverhalt objektiv und ergebnisoffen zu analysieren. Erst auf Basis der erhobenen Beweise lässt sich beurteilen, ob ein Buchungsfehler oder ein Betrugsdelikt vorliegt.
Haben digitale Werkzeuge eher die Täter oder die Ermittler:innen kreativer gemacht?
Digitale beziehungsweise technische Werkzeuge waren schon immer Teil der Kriminalität. Jede neue Technologie wurde früher oder später auch von Straftätern genutzt – das begann bereits mit dem Telefon und setzte sich über das Internet bis hin zu künstlicher Intelligenz fort.
Die Kriminalpolizei hat ihre Ermittlungsmethoden jedoch laufend weiterentwickelt und mit den technologischen Veränderungen Schritt gehalten. Auch künftig wird sie moderne Werkzeuge einsetzen, um Straftaten aufzuklären und neue Phänomene zu bekämpfen.
Einen gewissen zeitlichen Vorsprung haben allerdings häufig die Täter. Sie sind nicht an gesetzliche Vorgaben oder rechtsstaatliche Rahmenbedingungen gebunden und können neue Technologien oft schneller und ohne Einschränkungen einsetzen. Umso wichtiger sind Spezialisierung, kontinuierliche Weiterbildung und der Einsatz moderner Ermittlungsinstrumente, um diesem Vorsprung wirksam zu begegnen.
Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden durch Wirtschaftskriminalität in Österreich?
Für Österreich existiert keine offizielle Gesamtzahl für alle Formen der Wirtschaftskriminalität. Im Bereich der echten Wirtschaftsdelikte können nur Mutmaßungen getroffen werden, jedoch gibt es allein in einzelnen promienten Fällen Schadenssummen von mehreren Milliarden Euro. In der Betrugskriminalität werden Schadenssummen von bis zu 0,5 Mrd. € jährlich polizeilich gemeldet.
Gibt es Delikte, bei denen man sich fragt: „Wer denkt sich so etwas nur aus?“
Ja, solche Fälle gibt es immer wieder. Manche Betrugskonstruktionen sind derart komplex, kreativ oder ungewöhnlich, dass man sich zunächst tatsächlich fragt, wie jemand auf eine solche Idee kommt.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass hinter diesen Delikten meist kein spontaner Einfall, sondern eine sorgfältige Planung steckt. Täter analysieren gezielt Schwachstellen in Unternehmen, technischen Systemen oder menschlichem Verhalten und entwickeln darauf aufbauend ihre Tatstrategien.
Gerade diese Kreativität macht Wirtschaftskriminalität so anspruchsvoll. Für Ermittler bedeutet das, offen für neue Vorgehensweisen zu bleiben und sich laufend mit aktuellen Betrugsphänomenen auseinanderzusetzen.
Gab es einen Fall mit so ungewöhnlicher Vorgehensweise, dass er Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Besonders ungewöhnlich sind jene Fälle, in denen verschiedene Betrugsformen miteinander kombiniert werden. So kommt es etwa vor, dass sich eine vermeintlich attraktive Frau im Rahmen eines Love-Scam-Betrugs das Vertrauen ihres Opfers erschleicht und sich später plötzlich auch als erfolgreiche Investmentexpertin präsentiert. Das Opfer wird dann dazu verleitet, vermeintlich lukrative Geldanlagen zu tätigen, die sich letztlich als Betrug erweisen.
Solche Kombinationen wirken auf den ersten Blick beinahe absurd. Tatsächlich zeigen sie aber, wie flexibel Täter vorgehen und unterschiedliche Betrugsmaschen gezielt miteinander verbinden, um das Vertrauen ihrer Opfer auszunutzen und möglichst hohe Vermögensschäden zu verursachen.
Welcher österreichische Wirtschaftskriminalfall hätte aus Ihrer Sicht das Zeug zu einem Drehbuch?
Grundsätzlich hätten viele der bekannten österreichischen Wirtschaftskriminalfälle das Potenzial für ein Drehbuch – insbesondere jene, die große wirtschaftliche Schäden verursacht haben und in denen schillernde Persönlichkeiten eine zentrale Rolle spielten. Genau diese Elemente finden sich auch in erfolgreichen Krimis und Filmen.
Manchmal ist die Realität jedoch so außergewöhnlich und vielschichtig, dass sie in einem fiktiven Drehbuch beinahe unglaubwürdig wirken würde. Tatsächliche Fälle schreiben mitunter Geschichten, die sich ein Drehbuchautor kaum auszudenken wagen würde.
Welche Tipps würden Sie der österreichischen Öffentlichkeit geben, um sich gegen Wirtschaftskriminalität zu schützen?
Als Konsument:
Hinterfragen Sie allzu hohe Gewinnversprechen oder günstige Angebote. Überprüfen Sie ob es zu einem bestimmten (Online-)Shop bei dem Sie etwas bestellen wollen schon Betrugswarnungen gibt. Sehen Sie sich die Seite genau an. Ist das Impressum vollständig bzw. sind einzelne Unterseiten überhaupt existent.
Wenn Sie eine verdächtige E-Mail bekommen achten Sie darauf, wer der tatsächliche Absender der E-Mail ist. Dieser ist in den meisten E-Mail-Programmen in spitzen Klammern angeführt (< >). Dies gilt vor allem dann, wenn Sie aufgefordert werden einem Link zu folgen oder Ihre persönlichen oder Bank-Daten einzugeben.
Seien Sie skeptisch, wenn Sie eine vermeintliche Nachricht (z.B. SMS) vom Finanzamt oder der Post / DHL bekommen und dort aufgefordert werden Zahlungen zu tätigen. Im Zweifel geben Sie den Inhalt der Nachricht in einer Suchmaschine im Internet ein – Sowohl öffentliche als auch private Institutionen warnen regelmäßig vor den aktuellen Betrugsmaschen im Internet – Meistens lässt sich so ein Betrugsversuch schnell erkennen.
Tätigen Sie keine größeren Vorabzahlungen an Ihnen unbekannte Personen, beispielsweise auf Second-Hand Verkaufsplattformen. Treffen Sie sich bestenfalls mit Ihrem Verkaufspartner zur Übergabe des Geldes und der Ware.
Wenn Sie jemanden im Internet kennenlernen und diese Person plötzlich Geld von Ihnen fordert seien Sie skeptisch. Dies passiert häufig im Rahmen des sogenannten Love Scam. Betrüger binden das Opfer emotional an sich und gewinnen ihr Vertrauen. Dies geschieht alles im Rahmen von Chats, E-Mails, Anrufen usw., also aus der Ferne. Sobald die Täter das Vertrauen der Opfer gewonnen haben fordern diese unter dem Vorwand erfundener Geschichten Geld von diesen. Die Täter benutzen bei diesen Betrugshandlungen oft die gleichen Geschichten, Namen und Fotos. Wenn Ihnen so etwas passiert, geben Sie den Namen / Fotos / die Geschichte in eine Suchmaschine im Internet ein. Viele Leute, die bereits Opfer wurden, teilen ihre Erfahrungen (z.B. Namen und Fotos) im Internet um andere zu warnen.
Wenn Sie von angeblichen Verwandten oder Bekannten per SMS oder Chatnachricht angeschrieben werden und ersucht werden Überweisungen für diese zu tätigen, seien Sie skeptisch. Treten Sie über einen anderen Ihnen bekannten Kanal (z.B. andere Handynummer, Festnetztelefonnummer oder E-Mail) mit dieser Person in Kontakt und fragen Sie nach, ob das wirklich so stimmt. Sie können auch versuchen die Telefonnummer direkt anzurufen um in Kontakt mit Ihrem Bekannten zu treten. Die Täter nehmen den Anruf in der Regel nicht entgegen und führen technische Probleme z.B. mit dem Mikrofon des Handys als Grund an.
Als Investor:
Ersteinzahlung: Betrügerische Broker fordern häufig eine Ersteinzahlung von 250 €. Zugelassene Online-Broker verlangen keine Einzahlungen.
Unrealistisch hohe Renditeversprechen: Betrügerische Online-Broker verprechen extrem hohe und schnelle Gewinne. Seriöse Anbieter nehmen von sich aus keinen Kontakt mit Kunden auf. Der Handel mit Finanzprodukten erfolgt eigenständig und persönlich durch die Kunden über die Handelsplattform oder direkt an der Börse.
Keine Eile oder Druck zulassen: Betrüger setzen häufig auf Zeitdruck, um unüberlegte und schnelle Entscheidungen zu erzwingen. Dabei wird gezielt psychischer Druck ausgeübt.
Transparente Gebührenstruktur: Ein seriöser Online-Broker legt Gebühren klar und verständlich offen.
Negativberichte und Erfahrungsberichte im Internet: Suchen Sie online nach Erfahrungen anderer Nutzer oder Warnungen (FMA, BaFin) z.B. in Foren etc.
Warnsignale (red Flags)
Kommunikation über Messenger-Dienste (seriöse Anbieter nutzen diese nicht für Kundenkontakt)
Renditeversprechen (seriöse Online-Broker machen keine Gewinnversprechen/Anlageberatung)
Ersteinzahlung „250 €“ (seriöse Online-Broker fordern keine Einzahlung)
Druckausübung (kein Druck bzw. Aufforderung zum Investieren)
Support durch Fernzugriff (z. B. AnyDesk) auf das eigene Gerät (seriöse Anbieter greifen nicht mit Fernwartungssoftware auf elektr. Geräte der Kunden zu)
Als Unternehmen:
Entsprechende Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeiter in Bezug auf die gängigsten Betrugsmaschen, die für Unternehmen relevant sind. (BEC / CEO – Fraud, E-Mails mit Schadsoftware, …)
Relevante Bezahlungsvorgänge sollten immer nach einem fix definierten Prozess abgearbeitet werden, bestenfalls im Rahmen eines 4-Augen-Prinzips. (Klare Freigabe-Hierarchien) Auch eine standardisierte / verpflichtende Rückfrage über einen anderen Kanal bei größeren Zahlungen oder Änderungen der Zahlungsmodalitäten wäre anzudenken.
Die kritische Infrastruktur des Unternehmens (PCs, Software, Firewalls, Telefonanlage, etc., …) sollte immer auf aktuellem Stand gehalten werden. Von relevanten Daten sollten regelmäßig Kopien erstellt werden und diese sicher und getrennt vom Restsystem verwahrt werden.
Was würden Sie jungen Ermittler:innen raten, die in diesem Bereich Karriere machen wollen?
Wer in der Wirtschaftskriminalität ermitteln möchte, sollte vor allem neugierig, ausdauernd und analytisch denken können. Es braucht die Bereitschaft, sich in komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge einzuarbeiten und große Datenmengen strukturiert auszuwerten. Geduld ist dabei ebenso wichtig wie Genauigkeit – oft sind es kleine Details, die letztlich den entscheidenden Beweis liefern.
Ebenso entscheidend ist die kontinuierliche Weiterbildung. Betrugsformen, Technologien und Geschäftsmodelle entwickeln sich laufend weiter, weshalb auch Ermittler ihr Wissen ständig erweitern müssen. Teamarbeit spielt dabei eine wesentliche Rolle, denn komplexe Verfahren lassen sich nur gemeinsam mit Spezialistinnen und Spezialisten aus unterschiedlichen Fachbereichen erfolgreich bewältigen.
Mein wichtigster Rat lautet jedoch: Lassen Sie sich von der Komplexität nicht abschrecken. Hinter jedem noch so umfangreichen Verfahren stehen am Ende Fakten, die sich mit einer systematischen, objektiven und beharrlichen Ermittlungsarbeit aufklären lassen.



Fiona Walatscher
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